"Der fremde Passagier"

- Lieder von Viktor Ullmann

nach Friedrich Hölderlin und Albert Steffen

Mit Texten von Viktor Ullmann, Friedrich Hölderlin und August Strindberg u.v.a.

Claudia Rometsch, Sopran
Roland Matthies, Szenische Lesung

Wer bin ich – und wenn ja: wie viele? Diese Frage hat sich Viktor Ullmann zeit seines Lebens gestellt – und das lange, bevor die Postmoderne diese Frage salonfähig machte. In der Zeit in und zwischen den beiden Weltkriegen galt sie als pathologisch und durfte mehr oder weniger unbeschadet nur von geistig Verwirrten oder eben Künstlern gestellt werden. Viktor Ullmann hat mit dem Bewusstsein gelebt, dass ein Doppelgänger ihm als steter Begleiter zur Seite steht: Der „fremde Passagier“, den Ibsen auch Peer Gynt zur Seite gestellt hat. Für ihn – als in der NS Zeit verfolgtem Juden – hat dieser Doppelgänger noch einmal eine besondere Konnotation erhalten. So nannte er sein Tagebuch nach diesem steten fremden und doch so intimen Begleiter: "Der fremde Passagier". Dieser findet sich in unendlichen Variationen in der Literatur beispielsweise eines Friedrich Hölderlin oder eines August Strindberg wieder. Auch die zumeist atonale Musik des Komponisten Ullmann spiegelt eine Loslösung von der „Übereinstimmung der Formgesetze mit den Bedingungen des Materials“ (Stockhausen). Die idealistische Vorstellung einer Kontinuität in der Identität und die Unteilbarkeit des Individuums erfährt – genau wie der unreflektierte Bezug auf einen Grundton in der Musik – einen scharfen Bruch. Texte, die Ausdruck dieses Bruchs sind, die sich mit Identitätsverlust auseinadersetzen und den Mensch als Doppel- und Mehrfachwesen zum Thema haben, sind es, die ihr Pendant in der musikalischen Sprache von Ullman finden und denen er sich verbunden fühlte. Ullmann hat immer wieder unter schwierigsten Bedingungen den Mut gefunden, sich diesem Doppelgänger in ihm selbst zu stellen – auch aus dem Bewusstsein heraus, dass erst die Integration dieser Schattenseite die Persönlichkeit ganz macht und es eben doch einen unantastbaren Kern im Inneren eines jeden Menschen gibt.

Viktor Ullmann, 1898 in Teschen (Österreich-Ungarn) geboren, war Kompositionsschüler von Anton Schönberg in Wien. Er war in den 1920er Jahren bereits ein anerkannter Komponist und u.a. Kapellmeister am Deutschen Theater in Prag sowie am Schauspielhaus Zürich. In den 1930er Jahren wandte er sich der Anthroposophie Rudolf Steiners zu, die sein Werk fortan beeinflusste. 1942 wurde er im Lager Theresienstadt interniert und schrieb dort als künstlerischer Leiter einen Großteil seines Werks (u.a. die Oper "Der Kaiser von Atlantis"), bevor er 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Er zählt heute zu einem der bedeutenden Komponisten unter den "Wiederentdeckten".

















































































































































Claudia Rometsch

studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Gesang mit den Schwerpunkten Lied, Oratorium und Oper, absolvierte ihr Gesangslehrerexamen und das Zusatzstudium Musiktherapie.
Zu ihren wegweisenden Lehrern zählen Prof. Wilfried Jochens, Prof. Mark Tucker und Prof. Burkhard Kehring.

Claudia Rometsch ist Stipendiatin der Franz Wirth-Gedächtnis-Stiftung und Preisträgerin des Mozartwettbewerbs der Absalom-Stiftung Hamburg.

2008 gastierte Claudia Rometsch bei der Münchener Biennale und am Schwetzinger Schlosstheater. 2009 erhielt sie für die Verkörperung der Poppea (Händel, Agrippina) ihr Operndiplom.

2009 war sie als Mélisande (Debussy, Pelléas et Mélisande) in der Opera Stabile, Staatsoper Hamburg zu erleben und im Februar 2010 als Bastienne (Mozart, Bastien und Bastienne) in der Theaterakademie Hamburg.

Claudia Rometsch gibt regelmäßig Liederabende und Kirchenkonzerte und erarbeitete sich im Bereich Lied und Oratorium ein umfangreiches Repertoire.